Töne erhalten
Über viele Jahre habe ich mich bei meiner Arbeit bei Memoriav, der Kompetenzstelle für das audiovisuelle Erbe der Schweiz, mit dem Erhalten und Zugänglichmachen von Tonaufnahmen beschäftigt. Immer wieder habe ich Arbeitsschritte und das Materialverhalten der fragilen Tondokumente fotografisch festgehalten. Für den Erhalt unseres klingenden, kulturellen Gedächtnisses fliesst Fachwissen verschiedenster Spezialist*innen zusammen. Dabei berühren sich alte und neueste Technologien und Arbeitsweisen. Die Digitalisierung als ein Kern dieser Arbeit dauert schon über 30 Jahre. Die Fotos geben Einblick in die wenig bekannte Welt des Erhalts moderner Kulturgüter und zeigen die dafür nötigen Aufgaben.
Die Welt als Scheibe? Welt der Scheiben! Direktschnittplatten als frühe Form, Ton aufzunehmen. Sie zerfallen; ihre Rettung ist aufwändig. Kontrolle im Archiv durch einen Mirabeiter der Schweizerischen Nationalphonothek. Juni 2011.
Wer die Büchse mit den Direktschnittplatten öffnet, wird manchmal von speziellen Gerüchen oder anderen Zeichen der offensichtlichen Vergänglichkeit überrascht. Radiostudio Lausanne RSR (heute RTS). September 2011.
Direktschnittplatten sind Unikate. Beim Aufnehmen in den 1930er und 1940er Jahren wurde mit der Nadel direkt in die Schicht geschnitten. Der Alterungsprozess ist unumkehrbar. Hier eine auseinanderfallende, unbespielte Rückseite. September 2011.
Direktschnittplatten bestehen aus einer Metall- oder Glasschicht. Darauf aufgebracht ist Zelluloseazetat oder Zellulosenitrat. Im Zweiten Weltkrieg musste wegen Materialmangel auf instabiles Ersatzmaterial ausgewichen werden. Foto ca. 1993.
Diese Platte aus Glas von 1938 ist noch in perfektem Zustand. Die Rille in der blauen Zelluloseschicht wird von innen nach aussen abgespielt. Die Platten werden manchmal auch Azetat- oder Mitschnittplatten genannt. September 2011.
Das Erhalten der Direktschnittplatten bedeutet auch ihr Digitalisieren, um den Ton zu retten, bevor die Originale nicht mehr abspielbar sind. Dazu ist qualifiziertes Personal und eine gute Infrastruktur nötig. Radio Studio Basel SR-DRS (heute SRF). Ca. 1994.
Ab 1934 beschaffte sich die SRG Platten-Schneidegeräte der deutschen Firma Telefunken und begann in den Radiostudios Tonarchive anzulegen. Studio Bern SR-DRS (heute SRF), Gerätesammlung. September 2018.
Um die Eigenaufnahmen der SRG zu digitalisieren, mussten sie zuerst begutachtet werden. Reportagen und Konzerte werden, da auf mehrere Platten verteilt, von einem Mitarbeiter vorbereitet. SR-DRS Studio Zürich. 1997.
Für das Digitalisiern der Platten kommen professionelle Plattenspieler zum Einsatz. Sie müssen vor dem Einsatz an die früher üblichen technischen Normen angepasst werden. Techniker im Studio Basel, SR-DRS. März 2013.
Nicht selten löst sich die Schicht vom Träger. Wenn es als möglich erachtet wurde, das Dokument zu retten, wurde die Platte restauriert, um sie wieder korrekt mit der Nadel abspielen zu können. Studio Zürich SR-DRS. Ca. 1998.
Es gibt Fälle, in welchen das Abspielen mit der Nadel nicht mehr möglich ist. Platten mit abgelöster Schicht wurden mit Blick auf neue technische Möglichkeiten, die sich Ende der 1990er Jahre abzeichneten, zurückgestellt. 2011.
Reinigen einer Direktschnittplatte mit destilliertem Wasser und einer maschinellen Absaugvorrichtung. Das Reinigen ist nötig, um Störgeräusche durch Schmutz und Ablagerungen beim Digitalisiern zu vermindern. Stuio Basel SR-DRS. Ca. 1999.
«Replay: TV- und Radiodokumente nach der Ausstrahlung». Veranstaltung von Memoriav, der Kompetenzstelle für das audiovisuelle Erbe der Schweiz und der SRG. Solche Anlässe helfen mit, das Erhaltungswissen zu vernetzen. Bern. Oktober 2018.
Eine Mitarbeiterin von SR-DRS katalogisiert überspielte Platten. In den 1990ern wurde noch auf digitales Audioband kopiert, es war aber absehbar, dass die Technik bald reif war, um alle Daten in so genannten Content Management Systemen (CMS) zu integrieren. Basel. Ca. 1999.
Ein Mitarbeiter von SR-DRS mit Karteikarten. In den 1980er Jahren führte die SRG die EDV in den Archiven ein. Informationen aus Karteien wurden nach und nach in Datenbanken übernommen und ab den 2000er-Jahren mit den Tönen in ein CMS-System integriert. Studio Bern. April 2011.
Ein Mitarbeiter von SR-DRS (heute SRF) erläutert das Vorgehen bei der Restaurierung. Der Inhalt aller Dokumente und die Schadensbilder wurden in einer Datenbank der Schweizerischen Nationalphonothek dokumentiert. Radiostudio Zürich. Ca. 1998.
Digitalisierte Platten, aber auch jene, die mit der Nadel nicht mehr spielbar sind, wurden seit den 1990er Jahren von den SRG-Studios in klimatisierte Räume der Nationalbibliothek in Bern verlagert. Februar 2016.
Besuch im Langzeitarchiv für Tondokumente: Inspektion durch den Direktor der Nationalphonothek, den Leiter Magazine und Logistik der Nationalbibliothek und durch einen Mitarbeiter der Nationalphonothek (v. unten n. oben). Bern. April 2011.
Stark beschädigte Direktschnittplatten können seit einiger Zeit mit dem optischen Verfahren 'VisualAudio' gerettet werden. Von der Platte wird dafür eine sehr hoch aufgelöste analoge Fotografie erstellt. Mitarbeiter der Nationalphonothek in Lugano. Juni 2018.
'VisualAudio' arbeitet mit einem hochfrequenten Laserstrahl, der das Bild der fotografierten Plattenrille abtatstet und in eine digitale Tondatei übersetzt. Statt eines Originals dreht sich die Fotografie der Platte auf einem transparenten Plattenteller. Lugano. Juni 2018.
Das Bild der Rille wird auf einem Bildschirm (im Hintergrund) dargestellt. Das System macht Vorschläge, welche Teile der zersprungenen Platte wie zusammengehören. Ein Techniker überwacht den Prozess und greift manuell ein, damit der Ton korrekt wiedergegeben wird. 2018.
Auch Tonbänder sind ein fragiles Kulturgut. Sie haben nach dem Zweiten Weltkrieg die Direktschnittplatten ersetzt. Das Material altert und gute Abspielmaschinen sind rar. Im Bild ein Azetatband aus der Musikabteilung der Zentralbibliothek in Zürich. September 2020.
Professionelle Tonbänder, meist 1/4-Zoll breit, konnten geschnitten und durch Kleben neu zusammengestzt werden. Eine Mitarbeiterin von SR-DRS ersetzt defekte Klebstellen und bereitet ein Band für die Digitalisierung vor. SR-DRS, Studio Zürich. Mai 2011.
Nicht selten sind Bänder durch Hydrolyse so stark abgebaut, dass sie vor dem Abspielen in einem speziellen Ofen erwärmt werden müssen. Nicht nachahmen! Es braucht dazu spezialisierte Geräte und ein präzises Vorgehen. Radio Fribourg/Freiburg. Dezember 2020.
Beim Digitalisieren von Radioaufnahmen werden auch Daten aus Karteien und Begleitmaterial einem elektronischen Verwaltungssystem (CMS) übergeben. So werden auch Betriebsabläufe rationalisiert. Mitarbeiterin von SR-DRS bei Digitalisieren. Studio Zürich. August 2008.
Audiovisuelle Kulturtechniken wie die Bedienung von Bandmaschinen und der Umgang mit den Bändern sind am verblassen. Der Musiker und Musikkritiker erklärt einem Mitarbeiter der Zürcher Hochschule der Künste das Einspannen von Bändern. Zürich. September 2016.
Die Reinigung verschmutzer Bänder muss sorgfältig und mit dem richtigen Material erfolgen. Im Bild: Reinigung einer Kassette, die durch chemische Zersetzungsprozesse nicht mehr korrekt abgespielt werden kann. Februar 2011.
Das Reinigen von Tonträgern ist ein wichtiges Thema in Fachkreisen, weil es Sorgfalt braucht und zeitraubend ist. Im Bild: Die Fachhochschule des Tessins (USI) stellt einen Prototyp einer Reinigungsmaschine für Kassetten und Bänder vor. November 2017.
Auch unkonventionelle Methoden kommen zum Einsatz: Reinigung eines verschmutzten Bandes einer analogen Kassette (MC) bei Radio SRF. Februar 2011.
Beim Digitalisieren ist aktives Hören gefragt: Die Tonqualität wird überprüft und gleichzeitig wird der Inhalt in Datenbanken beschrieben. Mitarbeiterin von Radio Fribourg/Freiburg bei der Arbeit. Dezember 2020.
Qualitativ gut erhaltene Tonbandgeräte sind rar geworden. Um so wichtiger, dass es Leute und Institutionen gibt, die sie sammeln und erhalten; auch, damit das Wissen über ihre Funktionsweise erhalten bleibt. Museum ENTER in Solothurn (heute in Derendingen). April 2015.
Bei Bandmaschinen muss vieles richtig eingestellt sein, um den Ton optimal übertragen zu können. Ein Techniker der Schweizerischen Nationalphonothek erläutert in einem Ausbildungs-Workshop bei Radio Kanal-K, wie die Stellung des Tonkopfs genau justiert wird. Aarau. Mai 2019.
Abspielgeräte, die nicht fachgerecht gewartet sind, können ein Dokument zerstören. Im Bild: Die Schicht mit dem Ton blieb bei dieser Kassette an der Andruckrolle haften und wurde vom Träger gerissen. Von Memoriav organisierter Workshop zur Digitalsierung von Kassetten. Februar 2017.
Ausflug in die Jugenkultur: Christian Gasser, Autor, Dozent und ehemaliger Radiomoderator präsentiert „Die Mixkassette – eine kleine Live-Performance“ an einer Tagung der Internationalen Vereinigung der Schall- und audiovisuellen ArchiveI (IASA). Basel. November 2011.
Erhalt von Audios, die ausserhalb etablierter Institutionen entstanden. Kassetten ermöglichten seit den 1960er Jahren, mit wenig Geld selber Töne aufzunehmen. In einem Memoriav-Workshop wird die Reparaur defekter Kassetten geübt. Aarau. Mai 2019.
Bänder verlieren beim Altern oft ihre Spannung auf dem Wickel und der 'Kuchen' fällt auseinander. Es gibt spezielle Instrumente, um solche Probleme zu lösen. Mitarbeitende der ZHdK begutachten ein Band aus einer übernommenen Sammlung. Zürich. September 2016.
Im Swiss Light Source (SLS) des Paul Scherrer Instituts (PSI) finden Forschungen statt, um defekte Magnetbänder berührunslos zu lesen. Röntgenstrahlung wird in Linien gelenkt und durch Spiegel gebündelt. Ein Mitarbeiter des PSI erläutert den Aufbau der Strahllinie. Villigen. April 2024.
MiniDisc, DAT und viele weitere digitale Tonträger der 1990er und 2000er Jahre sind bereits obsolet. Sie müssen ganau so dringend oder noch dringender überspielt werden als analoges Material. Kopieren und Speichern von MiniDisc Scheiben bei Radio X. Basel. Juni 2013.
Im Atelier für Medienkonservierung erläutert der Spezialist, wie beim Auslesen von digitalen Audio-Datenträgern verhindert werden kann, dass sich die Daten verändern. Es geht darum, eine exakte Kopie und die korrekten Begleitdaten erhalten zu können. Bern. Juni 2025.
Sony entwickelte in den 1980er Jahren die Video-8-Kassette für kompakte Amateur-Kameras. Die Kassetten konnten auch digital, nur mit Ton bespielt werden. Das war platz- und kostensparend. Die Technik wurde aber rasch obsolet. Radio LoRa, Zürich. September 2008.
Historische Tondokumente (Direktschnittplatten) werden durch eine Mitarbeiterin von SRF-Radio in die Nationalbibliothek gebracht. Originale werden erhalten, so lange sie noch abspielbar sind und weitere technische Fortschritte zu erwarten sind. Bern. Mai 2013.
Auch Digitalisate sind auf Trägern gespeichert - in Massenspeichern oft auf LTO-Kassetten. Hier lagern erste Kopien des Montreux Jazz Digital Project bei der EPFL in einem sicheren Schrank. Sie migrierten inzwischen auf neue Genarationen von Kassetten. Lausanne. September 2014.
Seit einigen Jahren gibt es ein Revival der Vinylplatte. Für die Herstellung neuer Platten braucht es zuerst galvanisierbare Direktschnittplatten. So erlebt das Platten-Schneiden nach 50 Jahren eine Renaissance. Im Bild eine 'moderne' Schneidemaschine. Solothurn. April 2015.
Technik der 1960er und 1970er Jahre ist wieder gefragt. Schallplattenpresswerke wie Pallas GmbH verzeichnen seit Jahren einen Anstieg an Bestellungen. Im Bild: Pressen einer Vinyl-Platte bei Pallas. Diepholz bei Bremen. November 2018.
Auch das Tonband feiert Renaissance; die Community der Liebhaber guter Aufnahmen wächst. Die Technik starb um ca. 2000 aus, nun gibt es wieder Hersteller von Tonköpfen und Bändern. Listening Session des Vereins Tonbandjagd in Zusammenarbeit mit der HKB. Bern. Januar 2025.
Aller Nostalgie zum Trotz: um Tonaufnahmen als Kulturgut und in grossen Mengen zu erhalten, ist ihre Digitalisierung und Katalogisierung notwendig. Mitarbeiterin des Stadtarchivs Lausanne beim Erschliessen der Aufnahmen des 'réarmement moral' aus Caux. Lausanne. Dezember 2014.
Die aufwändige Arbeit des systematischen Erschliessens von Metadaten bleibt Voraussetzung für das Wiederfinden in online-Katalogen und für das spätere Nutzen der Töne. Recherche in der Datenbank Memobase von Memoriav. November 2021.
Mit der Digitalisierung ist es nicht getan. Audiovisuelle Kulturgüter zu erhalten kostet laufend, denn Massenspeicher brauchen Unterhalt auf Dauer. Mitarbeiterin des Schweizer Archivs der Darstellenden Künste (SAPA) wechselt LTO-Bänder am Bandroboter. Zürich. Februar 2020.
Nach dem Digitalisieren und Katalogisieren führen die Tonträger ein Doppelleben: das Digitalisat ist online nutzbar, das Original lagert in einem stillen Archiv. Ein Mitarbeiter der Nationalphonothek schliesst das Tor zur Vergangenheit. Ehemaliger Militärbunker. November 2017.